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Zwei Geschichten der Flucht

 

Sie sind 17 und 18 Jahre alt und sie haben Schlimmes erlebt. Die beiden Flüchtlinge, die bei Hanns Peter Stilp eine Unterkunft bekommen haben, wären gerne in ihrer Heimat geblieben und ihre Zerrissenheit ist spürbar. Sie sind froh um die Sicherheit in Deutschland und die Aussicht auf Bildung; andererseits plagen sie die traumatischen Erlebnisse in Somalia und auf der Flucht sowie die Sorge um die Familien.

Für den 17-Jährigen begann die Flucht vor drei Jahren. Er erzählt von seinem Vater, der Arzt war und Leiter eines Krankenhauses – er wurde erschossen, weil er nicht mit der islamistisch-militanten Al Shabaab zusammenarbeiten wollte. Weil auch der Junge bedrängt wurde, entschloss sich die Familie zur Flucht – zunächst nach Kenia. Dort trennten sich die Wege, die Mutter und die beiden kleineren Geschwister kehrten zurück nach Somalia.

Für den Jungen allerdings war dies nicht möglich, da ihm für den Fall der Verweigerung einer Zusammenarbeit mit der Miliz der Tod drohte. Für den heute 17-Jährigen folgte eine lebensgefährliche Flucht durch mehrere Länder und durch die Wüste nach Libyen, wo er mehrere Monate im Gefängnis verbrachte. Traumatisch verlief auch die Überquerung des Mittelmeers in einem Schlauchboot. Von den 116 Flüchtlingen seien 48 während der Überfahrt ums Leben gekommen.

Die Geschichte des zweiten Somaliers ist ebenso bedrückend. Seiner Erzählung zufolge hat er sein Leben nur der Geistesgegenwart seiner Mutter zu verdanken, die den heute 18-Jährigen vor der Al Shabaab versteckte. Denn in seiner Heimatstadt geht die Miliz noch gnadenloser vor als in der Region seines Schicksalsgenossen, dort wird nicht erst wegen einer „Mitarbeit“ gefragt. Wer sich weigert, so ist dem Bericht des jungen Mannes zu entnehmen, stirbt. Vor fünf Jahren begann die Flucht des Jungen – Kenia, Südsudan, Nordsudan, die Sahara, Libyen sind einige seiner Stationen samt diverser Gefängnisaufenthalte, bevor auch er über das Mittelmeer Europa erreichte.

Im Gespräch mit den jungen Männern fällt der Bildungshunger auf. Sie können sich angesichts der Kürze ihres Aufenthalts schon sehr gut auf Deutsch mitteilen, beide wollen unbedingt zur Schule. Der 17-Jährige strebt ein Praktikum in der Krankenpflege an und ist wegen seines Status' als geduldeter Flüchtling schon einen Schritt weiter als sein 18-jähriger Schicksalsgenosse. Dieser verfügt bislang nur über eine Aufenthaltsgestattung, wartet auf Anhörung und die Chance, auf eine Schule gehen zu können. Das alles ist bürokratisch und langwierig – und doch ist die Dankbarkeit groß. Im spärlich eingerichteten Zimmer des 18-Jährigen hängt eine Flagge. Es ist die deutsche.